Das irrtümlich kriminelle Potenzial von Bitcoin

6. August 2019 – Valentin Schön
Lesedauer: 7 Minuten


Bitcoin ist die erste dezentrale, digitale und kryptografisch-gesicherte Währung, deren Eigenschaften Teile unseres Finanzsystems revolutionieren wird. In den letzten 10 Jahren wurde eingehend über die Vor- und Nachteile eines dezentral verteilten Geldsystems berichtet und es wird absehbar, wie wichtig Alternativen zu etablierten Währungen werden. Wie auch im Falle des Internets, werden technische Innovationen, allen voran digitale Entwicklungen, immer zügiger von einer breiten Masse adaptiert. (1) Doch genau diese technischen Innovationen, zu denen auch Bitcoin zählt, werden rasch von kriminellen Personen und Organisationen entdeckt, die sie für ihre böswilligen Absichten missbrauchen. In der Vergangenheit wurde daher immer öfter Kritik an Bitcoin und anderen Kryptowährungen geäußert. Im Bezug auf die Kriminalität wird als Hauptargument von vielen Seiten die angebliche Anonymität von Bitcoin aufgeführt. Ein Irrtum, welcher leider noch immer stark verbreitet ist, denn Bitcoin bietet lediglich eine Pseudonymität. Im Gegensatz zur Anonymisierung bleiben bei einer Pseudonymisierung Datensätze erhalten, die Rückschlüsse zur Identität einer Person erlauben.

Bitcoin baut auf der Blockchain-Technologie auf, einer öffentlichen und dezentral verteilten Datenbank, in der die gesamte Transaktionshistorie jederzeit einsehbar und manipulationssicher gespeichert ist. Beim Kauf und Verkauf von Kryptowährungen wie Bitcoin, registrieren sich Nutzer bei entsprechenden Tauschbörsen und tauschen dort z.B. ihre Euros gegen Bitcoins zum aktuellen Marktwert. Dabei müssen sowohl Käufer und Verkäufer ihre Identität gegenüber der Tauschbörse preisgeben. Dies geschieht z.B. durch das Post-Ident-Verfahren, oder aber ein kurzes Video Interview, bei dem nicht nur die biometrischen Daten erfasst werden, sondern auch der Reisepass aus verschiedenen Winkeln in die Kamera gehalten wird. Die persönlichen Daten werden bei den Anbietern gespeichert, um alle regulatorischen Anforderungen (KYC/AML) zu erfüllen. Strafverfolgungsbehörden können bei verdächtigen Transaktionen die Daten von Personen bei diesen digitalen Marktplätzen abfragen.
Auch bei unregulierten Handelsplätzen hat sich gezeigt, dass die vollständige Nachverfolgung von Bitcoin-Überweisungen erfolgreich ist und somit Empfänger wie auch Sender identifiziert werden können. 

Einige Beispiele haben dies eindrucksvoll bewiesen: Zuerst wurde Bitcoin als Zahlungsmittel auf dem Darknet-Handelsplatz „Silk Road“ im Jahr 2013 bekannt. Silk Road (zu Deutsch “Seidenstraße”) ist ein Marktplatz im Darknet, der nach dem berühmten Handelsweg aus China benannt wurde. Viele Medien berichteten eingehend über diese Plattform. Das führte schon früh zu einem schlechten Ruf von Bitcoin und möglicherweise zu noch mehr Aufmerksamkeit von Kriminellen.
Weniger bekannt ist, dass im Jahr 2013 zwei DEA-Agenten versucht haben, Bitcoins zu entwenden, welche im Zuge der Silk Road-Ermittlungen konfisziert wurden. Die Mitarbeiter der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde sollten eigentlich Beweismittel sammeln, versuchten dabei aber ca. 20.000 Bitcoins zu stehlen. Dabei wurde beiden die Eigenschaft zum Verhängnis, dass jede Transaktion in der Blockchain gespeichert wird. Durch die Rückverfolgung der Transaktionen konnten beide DEA-Agenten zügig identifiziert und angeklagt werden. Sie erhielten Gefängnisstrafen in Höhe von über sechs Jahren und mussten ca. 500.000 US-Dollar Strafe zahlen. (2) Auch das Internet wurde zu Beginn der 90er Jahre für Betrugsversuche verwendet. Am bekanntesten sind vermutlich Computerviren, die sich z.B. in Form von Trojanern verbreiten und persönliche Daten ausspionieren.

Im Verlauf der letzten Jahre fanden sich zahlreiche Warnungen und schockierende Prognosen zur Verwendung von Kryptowährungen für illegale Geschäfte. Insbesondere die Verwendung im Darknet und die mögliche Nutzung zur Terrorfinanzierung wurden angeprangert. Doch ein Vergleich von Bitcoin mit klassischen Währungen zeichnet ein anderes Bild:
Laut dem “United Nations Office on Drugs and Crime” werden jährlich mehr als 2 Billionen US-Dollar aus illegalen Geschäften „gewaschen“, wobei der gesamte Betrag aus illegalen Geschäften noch viel höher liegt. (3) Eine Gegenüberstellung dieser Werte mit Bitcoin zeigt auf, dass ein falsches Bild vermittelt wird: Laut Chainalysis, einem US-Unternehmen führend im Bereich der Analyse von Blockchain-Transaktionen, sank die Anzahl der im Darknet getätigten Zahlungen auf unter 1 % aller Bitcoin-Transaktionen. (4)

Das liegt nicht an der Verringerung von Darknet-Geschäften, sondern daran, dass Bitcoin von immer mehr Menschen verwendet wird, Tendenz weiter steigend.
Dieser geringe Prozentsatz verdeutlicht auch den Umstand, dass Bitcoin mittlerweile zunehmend von vielen institutionellen Akteuren, großen Unternehmen, genauso wie Privatpersonen, für seinen eigentlichen Zweck genutzt wird: Der direkte Transfer von Werten ohne Intermediäre, der global und jederzeit kostengünstig möglich ist.

Ein weiterer Kritikpunkt soll die mögliche Nutzung von Bitcoin durch Terroristen sein, dazu finden sich allerdings nur Schätzungen. Das US-Finanzministerium kommt in seinem jährlichen Bericht aus dem Jahr 2018 sogar zu dem Schluss, dass virtuelle Währungen „(…) derzeit kein signifikantes Risiko für die Terrorismusfinanzierung darstellen“. Weiterhin wird in diesem Bericht aber festgestellt, dass das US-Bankensystem sehr wohl dem Risiko der missbräuchlichen Verwendung ausgesetzt ist, wobei die größte Gefahr von Personen innerhalb des Finanzsystems ausgeht. (5)
Genau diesen Personen würde der Zugriff auf Gelder zur Unterstützung von Terrororganisationen, durch Bitcoin erschwert werden. Allerdings muss erwähnt werden, dass es andere Kryptowährungen gibt, die im Vergleich zu Bitcoin eine erhöhte Privatsphäre bieten und für solche Zwecke verwendet werden können, auch wenn ihr Marktanteil bisher sehr gering ist. (6)

In der Vergangenheit geriet Bitcoin nicht nur als Mittel für kriminelle Zwecke in den Fokus, sondern Bitcoins wurden auch selbst zum Ziel. Doch auch im Falle des größten Bitcoin-Hacks lassen sich die Transaktionen transparent nachvollziehen. Von dem inzwischen geschlossenen japanischen Handelsplatz „Mt. Gox.“ wurden 2011 und in den Folgejahren Bitcoins im damaligen Wert von ca. 450 Millionen Euro gestohlen (744.408 Bitcoins). (7) Dies entspricht einem heutigen Wert von ca. 7,44 Milliarden Euro. Wie die folgende Grafik verdeutlicht, können alle Transaktionswege aufgezeigt werden. (8)

Durch die Nachverfolgung dieser Transaktionen konnte Alexander Vinnik als einer der Hacker identifiziert und festgenommen werden. (9) Die gestohlenen Bitcoins werden nach und nach ihren rechtmäßigen Besitzern in Form von US-Dollar zurückgegeben.

Obwohl Bitcoin vor mehr als 10 Jahren eingeführt wurde, wird sein Veränderungspotenzial bis heute häufig nicht erkannt. Das liegt unter anderem an zahlreichen Mythen und Irrtümern, auf die wir in weiteren Artikeln eingehen werden. Das System hinter Bitcoin wird permanent weiterentwickelt. Dadurch könnten Probleme wie der hohe Stromverbrauch und die Skalierung von Transaktionen in Zukunft gelöst werden.
Sicher ist schon heute, dass Bitcoin als Mittel für illegale Geschäfte nicht besonders geeignet ist.
Zu Beginn wurde auch das Internet als technische Spielerei betrachtet. Dennoch hat es Einzug in das Leben von vielen Milliarden Menschen gehalten. Wir schauen Serien online, kommunizieren mit Freunden in sozialen Netzwerken und kaufen Produkte zunehmend über das Internet. Die Blockchain-Technologie und auch Bitcoin werden ähnlich große Auswirkungen haben, daher sollten wir uns schon früh differenziert damit auseinandersetzen.

Verwendete Quellen:

  1. Gunter McRath, R.  (25. November 2013). “The Pace of Technology Adoption is Speeding Up”. Abgerufen am 2. August 2019 von: hbr.org/2013/11/the-pace-of-technology-adoption-is-speeding-up
  2. Raymond N., Lambert L. (30. März 2015). “UPDATE 2-Former U.S. agents charged for bitcoin theft during Silk Road probe”. Abgerufen am 2. August 2019 von: www.reuters.com/article/usa-justice-bitcoin-theft-idUSL2N0WW1IP20150330
  3. UNODC – United Nations Office on Drugs and Crime – “Money Laundering and Globalization” o.D. Abgerufen am 2. August 2019 von: www.unodc.org/unodc/en/money-laundering/globalization.html
  4. Chainalysis – “Crypto Crime Series: Decoding Darknet Markets” Abgerufen am 2. August 2019 von: blog.chainalysis.com/reports/decoding-darknet-markets
  5. US-Finanzministerium – “National Terrorist Financing Risk Assessment 2018”. Abgerufen am 2. August 2019 von:  home.treasury.gov/system/files/136/2018ntfra_12182018.pdf 
  6. Dion-Schwarz C., Manheim D., Johnston P.B. – Rand Corporation – “Terrorist Use of Cryptocurrencies” Abgerufen am 2. August 2019 von:  www.rand.org/content/dam/rand/pubs/research_reports/RR3000/RR3026/RAND_RR3026.pdf
  7. Takemoto Y., Knight S. (28. Februar 2014). “Mt. Gox files for bankruptcy, hit with lawsuit”. Abgerufen am 2. August 2019 von: https://www.reuters.com/article/us-bitcoin-mtgox-bankruptcy/mt-gox-files-for-bankruptcy-hit-with-lawsuit-idUSBREA1R0FX20140228
  8. Nilsson K. (27. Juli 2017). “Breaking open the MtGox case, part 1”. Abgerufen am 2. August 2019 von: blog.wizsec.jp/2017/07/breaking-open-mtgox-1.html
  9. Stubbs J., Tagaris K. , Irrera A. (26. Juli 2017). “U.S. indicts suspected Russian ‘mastermind’ of $4 billion bitcoin laundering scheme”. Abgerufen am 2. August 2019 von:  https://www.reuters.com/article/us-greece-russia-arrest/u-s-indicts-suspected-russian-mastermind-of-4-billion-bitcoin-laundering-scheme-idUSKBN1AB1OP